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Dienstag, 07. März 2006
Hercules und Herculaneum
Von Gedankenhupfer, 11:03

Eine der Statuen des Hercules – hier in einer Darstellung in einem Weingelage -- im Rahmen der Ausstellung „Die letzten Tage von Herculaneum“ im Focke Museum in Bremen. Sie gehört zu den rund 80 Skulpturen, die Archäologen im 18. Jahrhundert in einer Villa in der Stadt Herculaneum ausgruben.

Am 25. August des Jahres 79 n. Chr. verschüttete der Vesuv in einer Nacht eine ganze Region.

Das Leben in den Städten am Golf von Neapel erlosch in Sekundenschnelle.
Pompeji wurde zum Synonym für diese Katastrophe. Doch war Pompeji nicht der einzige betroffene Ort- und nicht der erste entdeckte Ort. Herculaneum war neben weiteren Orten um den Vesuv gelegen von diesem Geschehen betroffen. Bis 1709 lagen seine Zeugnisse der antiken Hochkultur unter bis zu 30 Meter hohen Schichten aus Asche, Schlamm und Bimsstein verborgen. Erst als ein Bauer 1709 im Ort Resina, dem heutigen Ercolano, einen Brunnen grub und dabei auf Marmorblöcke aus römischer Zeit stieß, begann mit dem zunächst entdeckten Theater von Herculaneum, der mondänen Nachbarstadt von Pompeji die systematische Suche nach antiken Kunstwerken der verschütteten Stadt. Dies war bereits Jahrzehnte vor den ersten Ausgrabungen in Pompeji.

Die spektakulären Entdeckungen am Fuße des Vesuv trafen den Zeitgeist und wurden zu einer touristischen Attraktion für Gelehrte, Fürsten, adelige und bürgerliche Besucher aus England, Frankreich und den deutschen Ländern. Die Funde aus Herculaneum und Pompeji inspirierten ihrerseits europaweit die Entwicklung eines neuen künstlerischen Stils und prägten eine ganze Epoche: den Klassizismus.

1982, fast 200 Jahre später, sorgte ein weiterer Fund für eine Sensation. Man fand die Bootshäuser am ehemaligen Meeresstrand und mehr als 300 Skelette von Männern, Frauen und Kindern,

die auf der Flucht vor der heißen Gaswolke innerhalb von Sekunden getötet wurden. Damit erlangte man neue wichtige Erkenntnisse über das Leben der Menschen in einer römischen Kleinstadt im 1. Jahrhundert nach Christus. In der Ausstellung geht der Besucher auf Zeitreise in die Welt der Antike und taucht ein in die letzten Stunden von Herculaneum:

Sie zeigt ein Modell des Theaters, Grundrisse und computeranimierte 3-d-Ansichten privater Villen und Gartenanlagen, Marmorstatuen, Bronzeskulpturen, kostbare Fresken, Mosaiken, Goldschmuck, hölzerne Möbelstücke und andere einzigartige Exponate aus Herculaneum. Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs,

Alea jacta est .....die Würfel, die gefallen sind, Fundstücke aus Herculaneum, die eine tragisch symbolische doppelte Bedeutung angesichts der Katastrophe erlangen,

 

aber auch eine Wiege und die Reste des Skeletts eines Babies darin, sowie Abgüsse von Skeletten einiger Einwohner von Herculaneum vermitteln die menschliche Dimension der Naturkatastrophe.

Beeindruckende Zeitzeugnisse darunter sind zB die 1700 Schriftrollen, welche bis heute gefunden wurden. Bei den ersten Funden rätselten die Archäologen, wie die verkohlten Papyrusrollen entziffert werden können. Sie wurden zerschnitten, ausgehöhlt, mit Quecksilber behandelt. Manchmal blieben bei solchen Experimenten nur klägliche Reste zurück. Der Durchbruch gelang einem italienischen Mönch: Der Kalligraph aus der Vatikanischen Bibliothek entwickelte eine „Abrollmaschine“. Dank dieser war es möglich, die einzelnen Blätter voneinander zu trennen. Heute werden die Seiten mit einer Essig-Gelatine-Substanz bestrichen und anschließend mit einer Pinzette abgelöst. Zu Tage kamen vor allem Schriften zur Musik, Philosophie, Rhetorik und Poesie des syrischen Philosophen Philodemos von Gadara (circa 110 bis 30 vor Christus), eines bis dahin kaum bekannten Gelehrten. Internationale Forscherteams arbeiten in Neapel noch immer an der langwierigen Restaurierung der Papyrusrollen. Es wird noch lange dauern, bis alle Geheimnisse der verschütteten Bibliothek enthüllt sind.

Neben den Statuen des Hercules zeigt die Ausstellung auch Arbeiten in Marmor, wie Gott Pan beim Liebesspiel, Aphrodite in reizvoll drapierten Gewändern, ein liebeshungriger Satyr mit einer Nymphe. Bei den Ausgrabungen in Herculaneum stießen die Forscher auf einen Reichtum erotischer Kunst. Sie fanden Wandmalereien, Mosaiken, Reliefs, Statuen und Trinkbecher, die Liebesgeschichten aus der Mythologie darstellen oder alltägliche Paare beim Liebesspiel zeigen.

Die vom Focke-Museum Bremen, dem Westfälischen Römermuseum Haltern sowie der Berliner Antikensammlung im Pergamonmuseum gemeinschaftlich konzipierte Ausstellung ist eine Sensation: Viele hochkarätige Objekte aus dem Nationalmuseum und der Nationalbibliothek in Neapel sind erstmals außerhalb Italiens zu sehen. Nach dem großen Erfolg in Haltern (128.000 Besucher in 3 Monaten) und der Station in Berlin (22. September 2005 bis 1. Januar 2006) ist sie nun auch bei eines der Bremer Ausstellungs-Highlights des Jahres 2006.

Nach Bremen wird sie in München zu sehen sein (14. Juni - 1. November 2006: Archäologische Staatssammlung München) und im Museum Het Valkhof Nijemegen (Anfang Dezember 2006 - Mitte März 2007)

http://www.focke-museum.de/

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